Leseproben
Marie Carove
Starke Gefühle
Bedrohung
Dieser ehemalige Winzerhof hatte einen Oberstock. Das Haus musste also einmal wohlhabenderen Weinbauern gehört haben. Aber vieles wies darauf hin, dass das Schicksal der letzten Bewohner kein schönes gewesen sein dürfte.
Im Wirtschaftsraum, erzählten uns die Nachbarn, hatte die Hausbesitzerin ihren Mann bis zu seinem Tod gepflegt. Er war im Sommer vor sechs Jahren an einem Gehirntumor gestorben. Das Haus stand zuletzt sechs Jahre lang leer. Der Wirtschaftsraum war der kühlste Raum im Haus, und dort muss es für den Mann im heißen Sommer halbwegs erträglich gewesen sein. Ich konnte beim Putzen noch eine verstaubte Spritze in der Nische neben der Waschmaschine finden.
Die Hausfrau selbst war depressiv und hatte einige Selbstmordversuche hinter sich. Eine der Stalltüren zeigte Brandspuren, weil sie sich mit Rauchgas vergiften wollte, und die Eisentür zur Garage hatte Spuren von Brecheisen, weil sie sich darin bei laufendem Motor eingesperrt hatte. Man hatte versucht sie zu retten. Sie überlebte.
Jetzt wohnten wir schon eine Woche lang in diesem alten Bauernhof. Ich erwachte aus einem wirren Traum. Es war finstere Nacht. Nachdem ich, ohne ein Licht zu machen, umhertastend die Toilette im Badezimmer neben unserem Schlafraum aufgesucht hatte, sah ich durchs Fenster in den Innenhof hinunter. Und da stockte mir der Atem. Aus dem finsteren Nichts erschien eine Gestalt, hager, dunkel gekleidet, ein alter Herr, der langsam auf das Haus zuschritt. Eine unheimliche Begegnung. Angst ergriff mich. Doch je länger ich die Gestalt betrachtete, umso weniger bedrohlich erschien sie mir. Und ich musste an den verstorbenen Hausherrn denken. Vielleicht wollte mir dieser Geist nur sagen, dass er nicht unglücklich war, weil wir uns jetzt um sein Haus kümmerten. Frieden ausstrahlend, verschwand die Gestalt so plötzlich, wie sie gekommen war, in der Dunkelheit……
Frieden
Es war in einer Silvesternacht. Meine Eltern hatten Besuch. Es waren die Mahlers mit ihren beiden Kindern, dem Sohn Poldi und der Tochter Gerti, die in unserem Alter waren. Nach Mitternacht war mein Bruder mit Poldi vertieft in ein Perry Rhodan Heft, während meine Schwester und ich mit Gerti noch einen Spaziergang im frisch gefallenen Schnee machten. Wir liefen Richtung Friedhof, weil wir uns die vielen Lichter, die die Leute fürs neue Jahr auf den Gräbern angezündet hatten, ansehen wollten. Ab und an hörte man noch Raketen krachen. Und wir lachten noch über die Witze, die zum Jahreswechsel zwischen den Eltern ausgetauscht worden waren. Aber langsam kehrte ringsum Stille ein. Nur der Schnee knirschte noch unter unseren Schritten.
Als wir den Friedhof erreicht hatten, öffneten wir das quietschende Tor und blieben erstaunt stehen. Der ganze Friedhof war von den vielen Kerzen in rötliches Licht getaucht, und die Gräber sahen mit dem Schnee, der sie bedeckte, aus wie weiche Betten mit Polster und Tuchent. Alles strahlte einen tiefen Frieden aus, als wären alle traurigen Seelen verstummt. Und Frieden legte sich auch auf unsere Herzen. Ganz leise und andächtig verließen wir den Friedhof wieder, und nichts konnte uns den Frieden in dieser Nacht mehr nehmen.
