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Leseproben

Eva Wolf

Mittagspause

Die bemerkenswerte junge Dame tauchte am Rand meines Gesichtsfeldes auf, als ich eben ein Stück Dillkartoffel in meinem Cremespinat wälzte.

Sie schob den Stuhl, der mir gegenüber stand, energisch mit dem Fuß zur Seite. Das misshandelte Möbelstück gab empört ein Mittelding aus Grunzen und Quietschen von sich.

Einige Köpfe rundherum hoben sich kurz, um die Lärmquelle ausfindig zu machen, und beugten sich ebenso rasch wieder mit dem konzentrierten Ernst, der allein essenden Menschen diese unnachahmliche Würde und Distanziertheit des Gesichtsausdrucks verleiht, über ihre Teller.

Inzwischen hatte die junge Dame offensichtlich den Platz mir schräg gegenüber auf der anderen Tischseite für sich ausgewählt.

Das Lokal war zwar durchaus geräumig, man hatte es aber mit sehr schmalen Tischen ausgestattet, sodass der Abstand der Tabletts von zwei Essern, die einander gegenüber saßen, weniger als eine Handbreite betrug.

Die junge Dame setzte ihr Tablett hart auf der Tischplatte auf. Das Besteck klimperte heftig, der Teller rutschte bedenklich nahe an den Tablettrand und die auf ihm befindlichen Speisen näherten sich flugs der Tellerkante. Einen Wimpernschlag vor der Katastrophe kam die ganze dynamische Installation zum Stillstand, ohne Schaden zu nehmen.

Die Köpfe rundherum hoben sich, senkten sich, die Gäste versanken wieder in Konzentration.

Ich schätze dieses Restaurant unter anderem deshalb, weil die Besitzer auf jede unnötige Lärmbelästigung verzichten. Keine Hintergrundmusik stört die meditative Sammlung beim Vorgang der Nahrungsaufnahme, und so kehrte nach dem Verstummen des Tablettgeklappers das Lokal zu erholsamer Stille zurück.

Die junge Dame schickte sich an, Platz zu nehmen.

Sie hatte mich bisher keines Blickes, geschweige denn eines Grußes, gewürdigt. Unsere Tabletts hingegen schlossen mit den aneinanderstoßenden Ecken bereits freundschaftliche Kontakte. Ich brachte, mich an die eben beobachtete Gelassenheit der jungen Dame in Bezug auf die Schwerkraft und sonstige unfallfördernde Naturgewalten erinnernd, mein gesamtes Geschirr in angemessenen Respektabstand zu dem ihren.

Sie holte den Stuhl, den sie soeben zur Seite geschubst hatte, näher zu sich heran. Er quietschte und grunzte. Die Köpfe hoben sich, senkten sich, Stille.

Die junge Dame warf ihre Handtasche auf den Stuhl, darauf einen Plastiksack voller offenbar unzerbrechlicher Einkäufe, als nächste Schicht folgte die Winterjacke, die sie bisher über dem Arm getragen hatte, dann der Schal und eine Strickmütze mit langen Ohrenklappen im Stil der Andenindianer.

Sie setzte sich, zog den beladenen Stuhl an ihre Seite – Quietschen und Grunzen, Köpfe hoch, Köpfe runter. Heftiges Knistern und Rascheln.

Sie kramte aus dem Berg auf der Sitzfläche eine Tragetasche, entnahm ihr ein voluminöses, großformatiges Buch, legte es so neben ihr Tablett, dass ich den Titel nicht lesen konnte, und schob eine Schicht von Papierblättern, die ich als dicken Packen Speisepläne des Lokals für die nächste Woche identifizierte, darunter. Dann stopfte sie die Tragetasche wieder in den Haufen auf dem Stuhl und begann unvermittelt zu essen.

Auf ihrem Teller hatte sie ein eindrucksvolles Arrangement zusammengestellt.

Ein schwacher Esslöffel voll Rote-Rüben-Salat am äußeren Tellerrand erzeugte eine Art von rosarotem Grundwasserspiegel, in dem etwa ein Teelöffel voll geraspeltes Irgendwas schwamm und mit kleinen, weißen Schwaden von dünner Soße gegen das Rot ankämpfte.

Die Mitte des Tellers okkupierte ein ausgedehnter Leerraum, der von einigen in Karottenpüree ertränkten Zuckererbsen unterbrochen wurde.

Daneben zog sich nahe am Tellerrand eine lange Bergkette hin, die aus einem bräunlich-rötlich-grünlichen Gemisch von grünen Bohnen, Kartoffeln und dicker Soße bestand und als Fisolengulasch verkauft wurde. Ich hatte die dubiose Mischung wegen ihrer unappetitlichen Farbe und matschigen Konsistenz gerade vorhin am Buffett schaudernd verschmäht.

Na gut, man muss ja nicht alles mögen…..

(Beginn und Ende: im Buch)

 

 

Date

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Treffen!

 

Ich laufe über die Straße

wie ein Kind, das einem Ball nachrennt.

Hirnlos.

 

Sehe ihn.

Das wird er doch um Himmels Willen nicht sein!

 

Er geht mir nicht entgegen.

Er nimmt mich nicht in die Arme.

Er schüttelt meine Hand, nur kurz.

 

Erledigt!

 

Trübe Augen.

Lange gelbe Zähne.

Der Schnurrbart schief geschnitten.

Zehn Jahre älter als gesagt.

Altmodische Schuhe, sorgfältig poliert.

Der Anzug schlottert.

Muss noch von früher sein.

 

Ich glaube nicht mehr an die Liebe.

Ist doch nur ein schales Hormongebräu.

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